Was ist Persönlichkeitsentwicklung?

Zunächst eine Kurzdefinition von Persönlichkeit: Unter Persönlichkeit können wir Merkmale von Individuen zählen, die über Zeit relativ stabil zu sein scheinen. 

Ausgeprägte Muster von Eigenschaften, Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühlen.

Zusammen bilden diese eine einzigartige Art von Selbst, von Person, von Persönlichkeit.

Im Erwachsenenalter sprechen viele statt von Persönlichkeit von der Identität.

Das biologische Erwachsenenalter beginnt, wenn das körperliche Wachstum mit dem Ende der Pubertät abgeschlossen ist.

Die Persönlichkeitsentwicklung kann in drei große Bereiche unterteilt werden:

  • primäre Persönlichkeitsentwicklung oder Sozialisation
  • sekundäre Persönlichkeitsentwicklung oder Sozialisation
  • tertiäre Persönlichkeitsentwicklung oder Sozialisation

Primäre Persönlichkeitsentwicklung

Die primäre Sozialisation findet in der Kindheit statt.

Das Kind ist einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt.

In der Familie, in der Schule, von Freunden und der Gesellschaft.

Diese Umgebungen erzwingen Veränderungen in den Verhaltensmustern, da sich das Kind an verschiedene Situationen anpasst.

Noch verfügt es nicht über die Fähigkeiten und die angemessenen Bewältigungsmechanismen, um in allen Situationen adäquat zu reagieren, sich anzupassen oder zu behaupten.

Daher handelt es sich oft um vorübergehende Anpassungen, die durch dauerhaftere ersetzt werden sollten. Sonst könne das Individuum durch widersprüchliche Anforderungen an seine Zeit und Ressourcen von innen und außen überfordert sein.

Charakterologisch gesehen kann man sagen, dass die unter diesen Bedingungen gebildeten Persönlichkeitsstrukturen dazu neigen, oberflächlich und instabil zu sein. Oft stellen sie einen unbewussten, aber andauernden Versuch zur Selbsterhaltung angesichts einer bedrohlichen Umgebung dar, in der das Individuum sich selbst als von Natur aus für unzulänglich und unfähig erachtet, allein zurechtzukommen.

Sekundäre Persönlichkeitsentwicklung

Die sekundäre Sozialisation findet in der Periode statt, die als Adoleszenz (lat. für Erwachsenwerden) bekannt ist. Sie erstreckt sich etwa bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren. Diese Stufe der Persönlichkeitsentwicklung beinhaltet eine Bewertung der primären Entwicklung, so dass die Persönlichkeit angemessen in eine dauerhaftere Form gebracht werden kann: ein Prozess, der gemeinhin als Individuation bezeichnet wird.

Der Heidelberger Psychiater und Systemiker Helm Stierlin beschreibt die Bezogene Individuation als Idealzustand, als Verbindung aus eigenständiger Entwicklung und gesunder Verbindung zur Ursprungsfamilie.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich im Individuum genügend Ressourcen angesammelt, um sich auch außerhalb des familiären Kontextes auszudrücken.

Das Ich ist ausreichend von den frühen Strukturen differenziert, so dass seine Grenzen unabhängig von inneren (dem Über-Ich) und äußeren (Eltern, Lehrern, Gleichaltrigen) Kräften definiert werden. Kein Vergleich mehr auch zur Beziehung zu den Eltern wie noch im Säuglingsalter.

Das Ergebnis der sekundären Sozialisation ist, dass die Anforderungen des Ichs gleichmäßiger mit den Ressourcen abgestimmt sind, die sich herausgebildet haben. Als Folge davon entwickelt das Individuum tragfähige autonome Bewältigungsfähigkeiten.

Charakterologisch können wir sagen, dass diese Strukturen stärker sind als die früher gebildete, weil sie bewusst entwickelt wurden und ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Selbstbehauptung und Respekt für andere widerspiegeln.

Diese Strukturen bilden das Fundament der erwachsenen Persönlichkeit.

Die Erwachsenenpersönlichkeit zeichnet sich durch Originalität, Stabilität, Flexibilität, Integration von primären und sekundären Strukturen zu einem Ganzen (durch kognitive Prozesse höherer Ordnung) aus. Der erwachsen gewordene Mensch zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, sich durch bewusste Überlegung und nicht nur aus Impuls oder Gewohnheit an veränderte Situationen anzupassen.

Tertiäre Persönlichkeitsentwicklung

Die tertiäre Sozialisation beginnt etwa im Alter von fünfundzwanzig oder dreißig Jahren und erstreckt sich bis ins mittlere Alter. Diese Periode beinhaltet im Idealfall intensive Selbsterforschung und Bewertung der Strukturen der sekundären Sozialisation. Diese erweisen sich nun oft als unzureichend für die Anforderungen des Erwachsenenlebens.

Das Ergebnis dieser Phase ist, dass viele Menschen in diesem Alter eine Krise in dem Sinne erleben, dass sie erkennen, wo ihre Persönlichkeitsstruktur möglicherweise nicht ausreichend zu ihren Bedürfnissen oder Ressourcen passt und dass Veränderungen (bewusst oder unbewusst) vorgenommen werden müssen, um sie entsprechend anzupassen.

So sind Krisen in der Lebensmitte relativ häufig anzutreffen, wobei Themen wie Karrierewechsel, Scheidung, Wiederverheiratung usw. als Gelegenheit genutzt werden, die bestehende Persönlichkeitsstruktur entweder umzustrukturieren oder zu bewahren, indem man sie an neue Anforderungen anpasst, um Ziele eigenständig und nicht durch Abhängigkeit von anderen zu erreichen (sekundär).

Dieses Stadium beinhaltet komplexere kognitive Prozesse, die Urteilsvermögen und Reflexion über das Verhalten beinhalten und nicht nur intuive Reaktionen. Es kann eine Periode der persönlichen Isolation beinhalten, während der das Individuum seine Persönlichkeitsstruktur verfeinert, um sich den situativen Anforderungen anzupassen.

Charakterologisch sind diese Strukturen stärker als die im frühen Leben gebildeten:

  • sie spiegeln das bewusste Bemühen des Individuums wider, sich seines eigenen Verhaltens und seiner Denkprozesse bewusst zu werden
  • sie zeigen den Wunsch zu verstehen, wie sie in ihm selbst funktionieren und wie andere sich verhalten und denken (sowohl bewusst als auch unbewusst)
  • es kommt der Wunsch auf, diese Strukturen, wenn nötig, durch Selbstuntersuchung zu modifizieren, anstatt sich allein auf die elterliche Autorität zu verlassen, und all diese Informationen in ein kohärentes Ganzes zu integrieren.

Das Ergebnis der tertiären Sozialisation ist, dass die charakterologischen Strukturen flexibler sind, offen für Veränderungen auf der Basis von Selbsteinschätzung statt nur instinktiven Impulsen, stabil durch eine Integration von Vergangenheit und Gegenwart, so dass das zukünftige Verhalten vorhersehbarer wird.

Mit anderen Worten:

Das Identitätsgefühl des Individuums entwickelt sich und wird in dieser Phase relativ stabil

Die Strukturstufen können auf die Persönlichkeit eines jeden angewendet werden, aber sie sind bei jedem Individuum in unterschiedlicher Form vorhanden. Da die Stufen jedoch nicht direkt beobachtbar sind, schließen wir auf ihr Vorhandensein, indem wir die Menschen aus einer bestimmten Perspektive beobachten.

Wenn wir uns zum Beispiel auf beobachtbare Verhaltensweisen wie Einstellungen oder Handlungen konzentrieren, dann spiegelt das, was wir sehen, das Normal-Invasive Kontinuum wider:

  • ausdrucksstark-konformistisch (Verhalten)
  • respektvoll-konform (Einstellung)
  • konformistisch-feindlich (Handlung)

Wenn dies geschehen ist, fragen Therapeuten: „Wessen Wünsche wurden verdrängt, um dies zu bewirken? Wessen Wille wird hier ignoriert?“

Worauf konzentrieren sich Menschen im Alltag – und was sagt das über die Persönlichkeitsentwicklung aus?

Menschen konzentrieren sich auf ihr Verhalten und ihre Einstellungen, wenn sie sich wegen ihrer Handlungen oder Gefühle verteidigen. Aus einer strukturellen Sichtweise heraus fragen Therapeuten dann: “Was wurde verleugnet, das zu diesen Verhaltensweisen führt? Was will der Klient, weiß aber nicht, wie er es bekommen kann? Was fühlt er, ist sich aber nicht bewusst, was er tut oder fühlt?” (Wenn Handlungen mit idealen Charaktereigenschaften kongruent zu sein scheinen, spiegeln sie gewöhnlich sekundäre Strukturen aus vergangenen Beziehungen wider)

Das primäre Stadium ist bei den meisten Erwachsenen nicht zu beobachten, weil es verdrängt wurde. Wenn wir die Art und Weise betrachten, wie Menschen sich selbst erleben, anstatt nur zu handeln und zu denken, ändert sich das Bild: Wir sehen expressiv-projektive (Selbst), respektvolle-projektives (Identität) und projektiv-feindliches (Selbst-Zustand) Verhalten. Wenn wir das Selbsterleben und nicht das Verhalten betrachten, kommen die verdrängten Primärstrukturen zum Vorschein: Eine Person erzählt Geschichten über sich aus der Perspektive eines Kindes, die ihr Familienleben widerspiegeln, Gefühle, die den Erwachsenen in der realen Welt des Klienten nicht bekannt sind, die als Kind von den Eltern zum Schweigen gebracht wurden, die die Bedeutung dieser Gefühle nicht verstanden, weil sie ihre eigenen Kindheitserfahrungen verleugneten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Konzentration auf beobachtbare Verhaltensweisen und Einstellungen uns vom Unbewussten wegführt. Die Fokussierung darauf, wie Menschen sich selbst erleben, führt uns in ihr Unbewusstes. Ersteres gibt uns nur Indizienbeweise; es lässt uns mit Wahrscheinlichkeitsurteilen zurück, weil es uns keine Informationen darüber gibt, was vor sich geht im Inneren einer Person. Aber indem wir Menschen aus der Perspektive ihres Unbewussten beobachten, können wir mit Sicherheit wissen, was sie brauchen, um integrierter und ganzer zu werden.

Unterliegende Strukturen: Selbst-Struktur und Charakter-Struktur

Die Objektbeziehungstheorie (siehe Wachtel ) beschreibt zwei zugrundeliegende Strukturen, die den fünf Entwicklungsstufen entsprechen:

  • die Selbststruktur und
  • die Charakterstruktur

Diese Einteilung ist natürlich stark verkürzt. Nicht berücksichtigt ist der persönliche und individuelle Stellenwert von Wünschen oder Bedürfnissen bei der Entstehung von Verhalten. Auch das Gefühl des Menschen für das, was ihn auszeichnet, ist in der Objektbeziehungstheorie kaum ausreichend gewürdigt. 

Bei aller verkürzten Darstellung:

  • Als Konzepte können diese Beschreibungen zu erklären helfen, wie es möglich ist, dass geliebte Menschen wie Eltern ungerecht und zu fordernd sein können, warum die überfordert wirken können und sich oft nicht bewusst sind, dass sie uns verletzt haben
  • Es wird zudem nachvollziehbar, warum wir uns immer wieder auf Verhaltensweisen einlassen, die uns selbst keinen offensichtlichen Nutzen bringen
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